Milchmarkt: «Gegenmacht», Mengensteuerung und neue Preisbildung gefordert

Der Milchmarkt und damit auch die Produzentenpreise sind unter Druck. Faire Märkte Schweiz fordert strukturelle Reformen. Die Vorschläge hat der Verein in einem Schreiben den Schweizer Milchproduzenten zugestellt. Es handelt sich um fünf Massnahmen.

Reto Blunier |

Die Schweizer Kühe geben mehr Milch als im Vorjahr. 2025 wurden 3,43 Milliarden Kilogramm Milch eingeliefert – 2,8 Prozent oder 94 Millionen Kilogramm mehr als 2024. Diese Menge muss gemäss der Branchenorganisation Milch (BOM) dem Reguliermarkt zugeführt werden. Diese Mengen werden zu Weltmarktpreisen exportiert. Für die Produzentinnen und Produzenten hat dies teils deutlich tiefere Milchpreise zur Folge.

Richtpreise gesenkt

Der Richtpreis für industrielle Molkereimilch ist am 1. Februar 2026 um 4 Rappen auf 78 Rappen je Kilo gesunken. Der BOM-Vorstand hat den Richtpreis für elf Monate bis Ende Dezember 2026 fixiert. Schwankungen vor allem gegen unten, aber auch gegen oben, werden so abgeblockt. Die Richtpreissenkung soll verhindern, dass die Differenz zwischen der Schweiz und Europa zu gross wird. «Ein zu hoher Preisunterschied würde mittelfristig zu grossen Verlusten beim Marktanteil der Schweizer Milch führen», warnte die BOM Mitte Dezember 2025.

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Die Branchenorganisation schlug Mitte Januar Alarm. Nicht alle Milch könne verarbeitet werden. Sie empfahl den Milchkäufern, bei einer Überlieferung ab 105 Prozent der monatlichen Vorjahresmilchmenge den Preis für diese Mehrmengen deutlich unter dem aktuellen ungestützten C-Richtpreis anzusetzen. Im Januar 2026 lag der Preis bei 23,6 Rappen. Im Februar stieg er leicht auf 24,9 Rappen. C-Milch wird erstmals seit 2018 wieder gehandelt. Hier gilt normalerweise der Weltmarktpreis. Die Lieferung ist freiwillig. Gemäss BOM zeigte der Aufruf Wirkung. Die Einlieferungen sind gesunken. Sie liegen gemäss BOM noch 5 Prozent über dem Vorjahreswert.

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Verhandlungsmacht stärken

Für Faire Märkte Schweiz (FMS) zeigt die Situation am Schweizer Milchmarkt vor allem eines: Er funktioniert derzeit nur ungenügend. «Angesichts wachsender Marktungleichgewichte fordert der Verein heute strukturelle Reformen», heisst es in einem Schreiben an die Schweizer Milchproduzenten. So soll der Milchmarkt resilienter, also widerstandsfähiger, und fairer werden. Insgesamt schlägt FMS fünf Massnahmen vor.

Im Zentrum steht die Stärkung der Produzentenorganisationen. Der Verein schlägt vor, die Produzenten in drei bis fünf schlagkräftigen Organisationen zu bündeln. «Ziel ist es, die Verhandlungsmacht gegenüber Verarbeitern und Detailhandel zu stärken», schreibt FMS. Weiter sollen die Produzentenorganisationen die Möglichkeit haben, die Mengen besser zu steuern, also Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen.

Richtpreis neu ab Hof

Handlungsbedarf sieht die Organisation auch beim Richtpreis. Dieser weiche stark vom effektiv ausbezahlten Preis ab. «FMS fordert deshalb, dass Richtpreise künftig ab Hof definiert werden und sich stärker an den Produktionskosten orientieren», heisst es im Brief.

Als weitere Massnahme sollen die Markt- und Preisrisiken nicht einseitig den Milchproduzentinnen und Milchproduzenten aufgebürdet werden. «Die Bauern sind es gewohnt, mit den natürlichen Risiken zu leben. Je mehr jedoch Marktungleichgewichte bestehen, desto stärker generiert der Markt zusätzliche Risiken für die Produzenten», sagt FMS-Präsident Stefan Flückiger. Weiter verlangt FMS Anpassungen beim Grenzschutz. Bestehende Lücken sollen so geschlossen werden.

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Die Massnahmen im Detail

1. Mit «Gegenpower» Ungleichgewicht im Markt kompensieren

Hier spricht FMS vor allem die Marktmacht der beiden Detailhändler Coop und Migros an. Gemäss dem Verein haben die beiden Unternehmen im Detailhandel einen Marktanteil von rund 80 Prozent. FMS verweist auf eine Regelung in der EU. «Dem Konzentrationsprozess wird begegnet, indem den Produzenten bis zu einem Volumen von 33 Prozent der gesamten Produktion zugestanden wird», heisst es im Brief an die SMP. Durch diese Massnahmen würden die Produzenten eine Gegenmacht aufbauen und hätten bessere Chancen bei der Preisbildung.

Auf die Schweiz bezogen heisst das für FMS: Bildung von maximal drei bis fünf Produzentenorganisationen. Sie könnten gegenüber den wenigen grossen und vielfach marktmächtigen Abnehmern eine «Gegenpower» aufbauen und ihre Position stärken. Mit der Motion von Hansjürg Rüegsegger (SVP/BE), die der Nationalrat angenommen hat, sollen die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

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2. Mengenmanagement in eigenen Händen

Faire Märkte Schweiz will den Bauern in einem Markt mit Überschusssituationen mehr Transparenz und Steuerung ermöglichen. «Die Produzenten haben kein wirksames Instrument, um die produzierten Mengen der Nachfrage anzupassen. Die einzelnen Milchproduzenten wissen nicht, wie viel Milch benötigt wird und zu einem guten Preis abgesetzt werden kann», schreibt die Organisation.

Die Produzentinnen sollen deshalb die Mengen selber steuern. Die Koordination sei das zentrale Element einer fairen Preisbildung. Die neu zu schaffenden Produzentenorganisationen sollen eine «wirksame privatwirtschaftliche Mengenkoordination vornehmen, die auf die nachgefragten Mengen ausgerichtet ist», so FMS.

3. Preisbildung

FMS weist darauf hin, dass Milch ein homogenes Gut ist. Produzenten können sich im Markt kaum differenzieren. «Sie werden somit für ihre Abnehmer auswechselbar», schreibt der Verein. Betriebe mit günstigeren Produktionsbedingungen wie bei Autobahnausfahrten würden von den Abnehmern als Direktlieferanten bevorzugt. Unabhängige wie beispielsweise Poollieferanten von Mooh würden aktuell mit einem deutlich tieferen Milcherlös «abgestraft». Dies sei unfair, so FMS. Zudem werden aus Sicht der Organisation die Lasten nicht solidarisch entlang der Wertschöpfungskette verteilt, sondern auf das schwächste Glied der Kette, die Produzentinnen und Produzenten, übertragen.

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FMS fordert von der Branchenorganisation Milch, dass die Richtpreise ab Hof und nicht wie bisher franko Rampe definiert werden müssen. Die Abnehmer sollen sich an den Lasten beteiligen. Mit einer Milchpreiskalkulation «von unten nach oben» sollen alle Produzenten für eine durchschnittliche Milchqualität die privatrechtlich fixierten Richtpreise effektiv erreichen respektive ausbezahlt erhalten. Legitim bleibe der Abzug der 5-Rappen-Verkehrsmilchzulage des Bundes.

4. Markt- und Preisrisiken den Produzenten abgelten

Damit die landwirtschaftlichen Produzenten nicht alleine mit diesen Markt- und Preisrisiken konfrontiert sind, sollen diese in eine faire Preisbildung integriert werden.

FMS fordert, dass sich die Abnehmer aktiv an der Minimierung der Markt- und Preisrisiken der Rohstoffproduktion beteiligen. Nur sie verfügten über das Wissen über die Nachfrage und die Marktentwicklungen, schreibt FMS. Zudem soll die Branche die Möglichkeiten für einen Risikoausgleich ausbauen. Die Branchenorganisation Milch (BOM) unterstützt derzeit über den Fonds «Regulierung» den Milchfett-Export mit rund 25 Millionen Franken. Diese Beiträge müssten künftig deutlich höher ausfallen, fordert FMS.

5. Anpassung des Grenzschutzes

Der Grenzschutz weise punktuelle Lücken auf, schreibt FMS. Der Verein meint hier den aktiven Veredelungsverkehr. So will beispielsweise Mondelez Butter importieren, obwohl genügend Schweizer Rohstoff besteht. Weiter sollen Anpassungen bei den Zöllen erfolgen. «Damit Importprodukte keine Lieferprioritäten geniessen und so eine faire Preisbildung im Inland verunmöglichen», schreibt FMS.

Entsprechende Vorstösse wurden im Parlament eingereicht. «Sie sind rasch zu behandeln», fordert FMS.

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