Sonntag, 29. Januar 2023
03.12.2022 11:22
Neuenburg

Ein Schätzer, 125 ’000 Franken  in bar, 10% Zins

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: sal

Seit 1991 ist Werner Schüttel Landwirt in Le Cerneux-Péquignot NE. Am 20. Mai wurde sein Hof versteigert. Lesen Sie im vierten Teil unserer Serie, wie ein kantonaler Schätzer und dessen Bruder mit 125000 Franken in bar bei Schüttel auftauchten und mit welch harten Vertragsbedingungen ein Landwirt aus der Zentralschweiz mit Interesse am Hof vor Gericht nicht durchkam.

Werner Schüttel hatte seit längerer Zeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Er sagt, auch weil ihm so viele Tiere plötzlich abgingen. Ein Überfall durch fünf Tunesier vom 27. Dezember 2014 und ein Selbstunfall vier Tage später schwächten ihn zusätzlich. So geriet er in finanzielle Bedrängnis und wurde betrieben.

Das Betreibungsamt liess Schüttels Hof schätzen. Ein beauftragter Agronom kam am 22. Oktober 2015 auf einen Verkehrswert von 850 000 Fr. Die Schätzung wurde hier öffentlich publiziert und ist bis heute im Internet abrufbar.

Der Schätzer, dessen Bruder, 125000 Franken 

Später sei dieser bei Dunkelheit zusammen mit seinem Bruder, einem Landwirt aus der Region, auf den Hof gekommen, berichtet Schüttel. Die beiden hätten Interesse gezeigt, sein Heimet zu kaufen. Schüttel stellte ihnen eine Falle, bat sie, an einem Nachmittag wieder zu kommen, damit die Polizei rascher vor Ort sein kann, und sagte, er wolle einen Teil des Kaufpreises am Fiskus vorbeischleusen via Bargeld, wozu die zwei offenbar bereit gewesen seien.

Die zwei Brüder kamen dann und breiteten 125000 Franken in Tausendernoten auf dem Küchentisch aus. Seine Angestellte ist Augenzeugin und bestätigt dies.  Auf dem Küchentisch sei ein schriftliches Kaufangebot der beiden gelegen von knapp 900’000 Franken, bei dem rund 300’000 Franken am Fiskus vorbei gehen sollten. Es kann sein, dass die mitgebrachten 125000 Franken in Tausendernoten den in Geldnot steckenden Schüttel für den Verkauf  «anfixen» sollten.

Werner Schüttel geriet in finanzielle Bedrängnis.
Daniel Salzmann

Schüttel rief die Polizei herbei

Schüttel rief im Versteckten die Polizei (Nr. 117), welche erschienen sei (1 Mann und 1 Frau), das Bargeld gezählt habe und mit den Brüdern hinausgegangen sei.  Seither hat Schüttel von dieser Sache nichts mehr gehört. Das schriftliche Kaufangebot habe die Polizei mitgenommen, er habe es nicht zurückerhalten. Er schüttelt nur den Kopf darüber, dass dieser Schätzer heute in einer landwirtschaftlichen Organisation tätig und auch nach wie vor als Schätzer tätig ist.

Vor allem staunt er, dass ein anderer Schätzer, ebenfalls ein Agronom, der heute der Chef des ersten Schätzers ist, das Heimet im Januar 2022, vor der erfolgten Versteigerung, auf 1,28 Millionen Franken schätzte. Auch diese Schätzung ist im Internet öffentlich zugänglich. Obwohl der Zustand des Heimet in der Zeit nicht besser geworden sei. Schüttel vermutet, dass im ersten Umgang sein Hof bewusst zu tief geschätzt worden sei.

«Es war der Bruder, der Interesse hatte»

Der «Schweizer Bauer» schrieb die beiden Schätzer an. Der Schätzer von 2015 betont, es sei sein Bruder gewesen, der das Heimet habe kaufen wollen. Seine einzige Ungeschicktheit sei es gewesen, diesen auf Schüttels Hof zu begleiten. Er habe den Hof im Auftrag des kantonalen Betreibungsamtes geschätzt.

Als das Betreibungsamt des Kantons im Frühjahr 2016 eine Mitteilung über die Versteigerung des Anwesens von Werner Schüttel gemacht habe, habe sein Bruder wie viele andere Landwirte auch ein Angebot machen wollen, um den Hof vor der Versteigerung zu kaufen.

Das Heimet Le Creux liegt abgelegen in der Gemeinde Le Cerneux-Péquignot NE. 
Daniel Salzmann

«Wäre alles regulär gelaufen»

Er schreibt: «Ich kann Ihnen versichern, dass ich und mein Bruder noch nie auf einem Polizeirevier waren, noch nie von der Polizei verhört wurden, noch nie Bussgelder für etwas anderes als zu schnelles Fahren oder zu langes Parken bekommen haben, noch nie von einem Gericht verurteilt wurden und noch nie Probleme mit den Steuerbehörden hatten.» Der Agronom sagt, es könne sein, dass sein Bruder für den Hof um die 900’000 Franken geboten habe, die zitierten rund 300’000 Franken hätten den Maschinenpark und das Vieh betroffen.

«Die Tatsache, dass nur die CHF 900’000 auf der notariellen Urkunde vermerkt gewesen wären, hätte den Kauf des Pächterkapitals nicht zu einer illegalen Transaktion gemacht», so der Betreffende. Wenn Werner Schüttel das Angebot akzeptiert hätte, hätte sein Bruder in jedem Fall auf einem ordentlichen Kaufvertrag für das Pächterkapital bestanden. 

Differenz von +50% bei Schätzungen

Wie erwähnt, betrug die Schätzung von 2015 0,85 Mio. Fr., die Schätzung vom Januar 2022 1,28 Mio. Fr. Das ist eine Differenz von genau 50%. Das 6,5-ha-Grundstück Nr. 1140, eines von fünf Grundstücken, wurde im zweiten Umgang auf 136’134 Fr. geschätzt, vor 6 Jahren waren es nur 37’508 Fr. gewesen. Der Preis ging also um Faktor 3.6 hoch bzw. war beim ersten Mal um so viel tiefer. 

Für die Differenz zwischen der ersten und der zweiten Schätzung führt der erste Schätzer zwei Gründe an. Erstens: «Die Methodik der Berechnung des Ertragswerts durch die neue Fassung des Bundesleitfadens erklärt den grossen Unterschied.» Er bezieht sich dabei auf die Anleitung zur Schätzung des landwirtschaftlichen Ertragswertes, die der Bund per 1. April 2018 revidiert und die zu höheren Ertragswerten als vorher führt.

Zu beachten gebe es auch die kantonalen Bestimmungen zur Herleitung des Verkehrswertes von 2015 und 2021. Drittens: «Die Wohnfläche der Wohnung im Jahr 2015 wurde vom Vermieter übermittelt, da er nicht wollte, dass ich eine Besichtigung der Wohnung durchführe. Herr Schüttel hat dem zu seinen Ungunsten nicht stattgegeben.»

«Ein Retter tauchte auf» 

Im Jahr 2016 war die betreibungsamtliche Versteigerung von Schüttels Hof angekündigt. Bevor es dazukam, tauchte ein Zentralschweizer Landwirt, der auch sonst Unternehmer ist, auf. Er löste bei der Raiffeisenbank zwei Schuldbriefe in der Höhe von total 178’000 Fr. ab und übernahm auch die anderen offenen Forderungen im Betreibungsregister. So wurde die damals angesetzte Versteigerung abgewendet. Die zweite angesetzte Versteigerung war am 20. Mai 2022, diese fand dann statt.

Ein Vertrag, der an einen Knebel erinnert

Das hatte aber seinen Preis für Schüttel, der hier aus heutiger Sicht von «Ausnützung einer Notlage» spricht. Die rund 460’000 Fr., die der Zentralschweizer insgesamt aufbrachte, sicherte er als Kredit vollumfänglich mit einem zusätzlichen Grundpfandtitel ab, es wurde ein dritter Schuldbrief erstellt. Für den Kredit von 460’000 Fr. verlangte er trotzdem 10 % Jahreszins, was dem gesetzlich maximalen Zins bei einem Konsumkredit entspricht, das heisst 46 000 Fr. im Jahr.

Der hohe Zins sollte wohl zeitlichen Druck aufsetzen. Denn gleichzeitig musste sich Schüttel verpflichten, dem Zentralschweizer den Hof für 900’000 Fr. zu verkaufen. Andernfalls würde eine Konventionalstrafe von 180’000 Fr. fällig. So berichtet es Schüttel, der Zentralschweizer hat die Zahlen auf schriftliche Anfrage nicht bestätigt. Der «Schweizer Bauer» hat aber mit ihm gesprochen – dass er ein Gläubiger von Schüttel war, hat er bestätigt. 

«Ohne Vorvertrag zum Notar – nicht mit mir» 

Dann wollte dieser den Kauf über die Bühne bringen. Schüttel sagt, ihm sei ein Termin beim Notar mitgeteilt worden, ohne dass ein Vorvertrag und ein Zahlungsziel bestanden hätten. Er werde zu Hause abgeholt, habe der Darlehensgeber gesagt, und dann nehme man vorher noch eine Flasche Whisky, erinnert sich Schüttel, der keinen Alkohol trinkt.

Das mit dem Whisky bestreitet der Zentralschweizer, Schüttel entgegnet: «Jesus Christus hat es gehört.» Schüttel liess den Termin beim Notar verstreichen, obwohl er an einem einzigen Wochenende 20 bis 30 Anrufe oder Anrufversuche vom Zentralschweizer erhalten habe, wie er sagt.

Schüttel mit Erfolg vor Gericht

In der Folge betrieb ihn der Zentralschweizer über 460’000 Fr. Kredit und 180’000 Fr. Konventionalstrafe. Schüttel erhob Rechtsvorschlag und hatte vor dem Regionalgericht Erfolg. Der Zentralschweizer hatte die Schuldbriefe zuvor auf eine Firma übertragen, die er zusammen mit seinem Bruder besitzt.

Vor Gericht sei nur der Bruder erschienen, erinnert sich Schüttel. Der Vertragspassus zur Konventionalstrafe erwies sich als ungültig, ebenso der Verkaufszwang an den Zentralschweizer und der Preis. Offenbar, weil dies nicht im Grundbuch festgehalten worden war.

Aber die Betreibungen gingen weiter 

Anschliessend betrieb ihn der Zentralschweizer über die 460’000 Fr. plus ausstehende Zinszahlungen. Eine Zinszahlung in der Höhe von rund 50’000 Fr. habe er aber an ihn geleistet, sagt Schüttel.

Da tauchte ein weiterer Hofinteressent auf, der späterer Ersteigerer und heute im Grundbuch Eingetragener, ein Berner mit Interesse an Pferden. Dieser kaufte vor der Versteigerung im Mai 2022 die drei Schuldbriefe dem Zentralschweizer ab, sodass er als Nichtlandwirt an der Steigerung mitmachen und schliesslich den Zuschlag erhalten konnte. 

Gebiet und um den Hof Le Creux, Le Cerneux-Péquignot NE
Printscreen Schweizmobil/Swisstopo

Die drei Schuldbriefe wurden weiterverkauft

Schüttel sagt, die drei Schuldbriefe hätten auf total 460’000 Franken gelautet.  Doch in einem Vorvertrag vom Mai 2020, der Schüttel zugestellt wurde und der dem «Schweizer Bauer» vorliegt, steht, dass der Berner der Firma des Zentralschweizers für die Übertragung der Schuldbriefe «und anderer Forderungen» die Summe von 700’000 Franken bezahlen werde. Diese 700’000 Franken wären vom Verkaufspreis des Heimets, den Schüttel erhalten hätte, abgezogen worden und somit nicht zu Schüttel geflossen.

Es könnte sein, dass der Zentralschweizer nicht nur ausstehende Zinszahlungen (46’000 Fr. pro Jahr), sondern auch einen Teil der Konventionalstrafzahlung über 180’000 Fr. dem Berner weiterverrechnet hat, obwohl die Konventionalstrafzahlung erstinstanzlich vor Gericht nicht Bestand gehabt hatte.  So hätte Schüttel dann trotzdem einen Teil der 180’000 Fr. bezahlt, wenn er auf den Vertrag eingegangen wäre (und sein Rechtsanwalt wird darauf achten, dass er auch nach der erfolgten Steigerung nichts dafür bezahlt).

Vielleicht hat der Berner die Schuldbriefe aber auch deshalb überzahlt, weil ihm der Zentralschweizer versprochen hat, bei der Versteigerung selbst nicht mitzubieten. Ein Teilnehmer der Versteigerung berichtet, dass er überrascht gewesen sei, dass der Zentralschweizer das Interesse am Heimet von Schüttel am Tag der Steigerung plötzlich verloren gehabt habe. Der tatsächliche Verkaufspreis der Schuldbriefe ist nicht bekannt. Sollten es die 700’000 Franken gewesen sein, die in einem Vorvertrag gestanden haben, würde das auf den ersten Blick heissen, dass der Zentralschweizer mit dem Heimet Le Creux in wenigen Jahren über 200’000 Franken Gewinn gemacht hat. 

Serie 

Lernen Sie in der letzten Folge auch die Perspektive des Ersteigerers kennen, der am 20. Mai 2022 den Hof Le Creux als fast 79-jähriger «Nichtlandwirt» (Selbstbezeichnung) ersteigert hat.  

Bisher publiziert worden sind:

Teil 1: Sabotage, Kuhabgänge und Fast-Brände
Teil 2: Der Überfall vom 27. November 2014 und der Rauswurf aus der Käsereigenossenschaft 
Teil 3: Koksender Bauernlehrling aus der Region brach bei Schüttel ein 

Es erscheint bald:

Teil 5: Wie bei der Versteigerung ein Nichtlandwirt den Zuschlag erhalten konnte

Mehr zum Thema
Regionen

Der Solarpark auf 25 Hektaren produziert Strom für 15’000 Haushalte.BKW Der neue CEO des Berner Energiekonzerns BKW, Robert Itschner, zieht nach seinen ersten 100 Tage eine positive Bilanz. Er wolle…

Regionen

Biber leben bevorzugt in langsam fliessenden und stehenden Gewässern mit weichen Gehölzarten in Ufernähe. Ihre Ausbreitung zeigt jedoch, dass sie in ihrer Lebensraumwahl sehr flexibel sind, da sie die Landschaft…

Regionen

Er soll auf die Liste der Berner SVP kommen: Ruedi Fischer.zvg Die Delegiertenversammlung des SVP-Wahlkreisverbands Emmental hat am Mittwochabend Landwirt Ruedi Fischer aus Bätterkinden für die Nationalratswahlen vom Herbst 2023…

Regionen

Der Rübenring schaut auf eine schwierige und herausfordernde Kampagne 2022 zurück. Rübenring Beim Rübenring Seeland haben neben der Geschäftsführerin auch der Leiter Fahreraufgebot und der dienstälteste Disponent seine Kündigung eingereicht.…

5 Responses

  1. Zum Glück gibt es in der Schweiz zwei Bauernzeitungen.Da die „Bauernzeitung“ von der Gnade Bruggs abhängig ist,würde dort so etwas nie erscheinen.
    Und einzelne Kommentare sagen es klar:
    „Rächt Hesch,aber Schwiege söttsch“

  2. Wer weiß was in unserer Landwirtschaft unter den Bauern wegen Landbesitz und Pachtland, Neid und Missgunst abgeht, wird diese Berichte nicht als Räubermärchen abtun. Von vergifteten Tieren, durchschnitten Zäunen, sabotieren Traktoren und vielem mehr, könnten wohl zahlreiche Bauern erzählen, ich kenne einige und auch selber schon viel Scheisse erlebt als zuzügler. Gottseidank bringt diese Zeitung eine solche Himmel traurige Geschichte an die Öffentlichkeit . Sollen alle lesen was Tatsache ist

  3. Was reitet den Chefredaktor einer Fachzeitschrift, aus der traurigen Geschichte eines armen Mannes, einen „Blick“-mässigen Krimi zu konstruieren? Und was kommt als Nächstes; crime haben wir ja schon – also bleibt noch s…
    Von einer Zeitung wie dem Schweizer-Bauer, erwarte ich, als langjähriger Abonnent und Leser, ausgewogene und richtig recherchierte Artikel. Zum Beispiel die Erklärung warum die Schätzungen des gleichen Betriebes so unterschiedliche Summen aufweisen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE