Mit dem eigenen Freibergerpferd als Trainsoldatin in der Schweizer Armee: Anja Tschannen erzählt im Trainblog von ihren Erlebnissen während der Sommer-Rekrutenschule 2020. Wenn sie nicht gerade mit dem Trainpferd über Stock und Stein stampft, ist sie als Redaktorin beim «Schweizer Bauer» und als Landwirtin tätig. In diesem Teil geht es um die Verschiebung ins Wallis.
Nach einem kurzen Abstecher «Zuhause» in der Kaserne geht es mit der gesamten Holzrückausrüstung und sämtlichen Tieren weiter in die nächste Verschiebung. Diesmal auf die andere Seite der Schweiz.
Im Wallis bekommt unser Zug einen Holzrückauftrag. Entlang der Rhone sollen wir Weiden, Erlen, Papeln und Co. an die nächste Zufahrt schleppen. Dort wird das Holz dann verladen und abtransportiert.
Kampf mit Haydo
Nach unserer Eskapade am Berghang die Woche zuvor hatten Haydo und ich durchgehend einen Kampf zusammen.
Er, mit dem Kopf nur bei «seinen» Stuten und den anderen Pferden und ständig vergessend, dass er doch tatsächlich vier statt nur zwei Beine hat und eigene Augen, die er auch benutzen darf. Ich, mich durchgehend am Aufregen und ärgern, weshalb es nicht klappt. Und sowieso, ein Trainsoldat ohne einsatzfähiges Pferd ist doch eh scheisse, oder? Umso erleichtert bin ich nach dem ersten Einsatztag im Wallis.
Endlich wieder souverän
Die ersten paar Mal ist mein Pferd zwar noch etwas nervös und wiehert dämlich den Kammeraden zu, die sich notabene maximal schreckliche zwanzig Meter entfernt aufhalten und ebenfalls am Arbeiten sind. Dann aber gewöhnt er sich daran. Wie ein Musterschüler steht er ruhig in den Zug und zieht das Holz souverän und gelassen zur Sammelstelle.
Die Luft in Goms scheint uns gut zu bekommen. Genau so macht Arbeiten mit Tieren doch einfach Spass. Entspannt und konzentriert können Haydo und ich unseren Job erledigen. Es kommt mir so vor, als ob er wirklich gerne Holz herumzieht. Wir kommen gut voran mit unserem Auftrag. Nach einem frischen und regnerischen Start erleben wir das Wallis in seiner ganzen Herbstpracht.
Immer schön kühlen
Da Haydo in der Woche davor ja nur einen Tag im Einsatz war, will ich unbedingt die ganze Woche über mit ihm Arbeiten können. Penibel darauf bedacht, dass er keine Druckstellen bekommt und dadurch plötzlich nicht mehr einsatzfähig wird, kühle ich nach getaner Arbeit die Kummetlage extra lange mit kaltem Wasser. Bevor wir uns in unser Nachtlager zurückziehen, klatsche ich ihm jeweils eine fette Schicht Kühlgel auf die Brust.
Die Taktik geht auf. Die Kummetlage bleibt makellos und ist nie geschwollen. Wir Soldaten sind in einem alten Offiziershaus untergebracht und werden von einem einheimischen Koch verköstigt. Morgens und abends im Haus selbst, mittags am Bord der Rhone. Während unsere Tiere im Biwak Heu knappern, schlagen wir uns die Bäuche voll.
Militäressen ist top
Ich weiss gar nicht, worüber sich immer alle beschweren, von wegen im Militär sei das Essen scheisse. Im Gegenteil würde ich sagen, jedenfalls bei uns. Ob auf den Verschiebungen oder «Zuhause» in der Kaserne, wir essen wirklich gut. Was auch wichtig ist, denn alles steht und fällt mit der Verpflegung.
Mir als Küchen- und Haushalts-Banause kommt der Fakt, dreimal täglich verpflegt zu werden und mich nur um Bett, Zimmerordnung und grobe Reinigung kümmern zu müssen, sowieso entgegen. So könnte es eigentlich immer laufen.
Fehlt nur etwas mehr Freiheit. So wäre ich gerne am Abend nach dem Holzrücken etwas die Gegend erkunden gegangen. Notabene deshalb, weil ich bei der Hinfahrt gesehen habe, dass sich neben den Häusern alte Ziegenrassen wie Walliser Schwarzhalsziegen, Capra Sempione und Grünochengeiss tummeln. Doch wir im Tenü Grün dürfen das Haus nicht verlassen. Ausgang gibt es auch keinen auf der Verschiebung. Ob das immer so ist oder nur wegen Corona, weiss ich natürlich nicht.
Duro fahren kann qualvoll sein
Am letzten Abend haben wir die Erlaubnis für einen internen Ausgang, um die zweite Verschiebungswoche ausklingen zu lassen. Unser Koch, ein waschechter, standfester Walliser, versorgt uns mit Walliser Spezialitäten, sprich Trockenwurst und Co.
Walliser-Like haben wir den letzten Abend verbracht. Ich sage nur: Alter schützt vor Dummheit nicht und Duro fahren kann sehr lange und qualvoll sein.
Bisherige Einträge:
Teil 20: Unfall am Berg: Militärpferd stürzt
Teil 19: «Stimmung bei Trainrekruten ist gereizt»
Teil 18: «Diese Erfahrung kann mir niemand mehr nehmen»
Teil 17: Militärpferde: Arbeiten für Landwirte
Teil 16: Militärpferde: Endlich Patrouillenreiter – Schweizer Bauer
Teil 15: «Meine grösste Angst: Nicht auf das Pferd zu kommen»
Teil 14: Endlich, die Militärpferde kommen
Teil 13: Vier Wochen ohne Militärpferde
Teil 12: Das eigene Pferd auf den Militärdienst vorbereiten
Teil 11: Ich kaufe Haydo zurück
Teil 10: Armeepferde: Start ins Militärleben
Teil 9: Schlusstest für künftige Militärpferde
Teil 8: Militärpferde auf Inspektion vorbereiten
Teil 7: Trainpferde: Karren ohne Kutscher ziehen
Teil 6: Militärpferde auf das Podest stellen
Teil 5: Trainpferde müssen auch Holz ziehen
Teil 4: Die Königsdisziplin der Trainpferde
Teil 3: NPZ bildet die jungen Militärpferde aus
Teil 2: Sein eigenes Pferd der Armee verkaufen
Teil 1: Mit dem eigenen Pferd in die Armee








