Dienstag, 29. November 2022
15.07.2022 06:00
Graubünden

GR: Erneut Mutterkuh von Wölfen angegriffen

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Von: Reto Blunier

Am vergangenen Samstag haben am Schamserberg im Kanton Graubünden mehrere Wölfe eine Kuh angegriffen und getötet. Nun kam es erneut zu einem Angriff. Die Mutterkuh musste von ihren Leiden erlöst werden.

Der erste Angriff ereignete sich am Samstag auf der Alp Nurdagn am Schamserberg. Die siebenjährige Kuh befand sich nach Angaben der kantonalen Behörden zusammen mit weiteren Artgenossen innerhalb eines eingezäunten Areals.

«Absolut neue Dimension»

Dieser Zaun gelte nicht als Herdenschutzmassnahme. Bei grösseren Nutztieren seien keine solche Vorkehrungen mehr vorgesehen, teile der Kanton weiter mit. Der Fundort des toten Nutztieres lag im Streifgebiet des Beverin-Rudels. Der Angriff sei eine «absolut neue Dimension», sagte der Amtsleiter für Jagd und Fischerei, Adrian Arquint, gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Die zuständige Behörde des Kantons äusserte sich besorgt. Die Tötung einer ausgewachsenen Mutterkuh entspreche im Vergleich zu Schäden bei Schafen und Ziegen einer weiteren, neuen und schwerer wiegenden «Eingriffstiefe».

Die erste Angriff ereignete sich am 9. Juli 2022 auf der Alp Nurdagn. Die Mutterkuh verendete.
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Kuh notgetötet

Nur wenige Tage später, am Mittwochabend, wurde am Schamserberg erneut eine Mutterkuh angegriffen. Das betroffene Tier befand sich auf einer Weide auf der Alp Nera, wie Radio «FM1» am Donnerstagabend berichtete. Der Hirt bemerkte den Vorfall. Drei Wölfe seien noch um die verletzte Mutterkuh gestanden, sagte Adrian Arquint gegenüber dem Radiosender.

Für die schwer verletzte Mutterkuh gab es keine Rettung mehr. Sie wurde durch einen Tierarzt notgetötet, wie Arquint weiter sagte. Das Verhalten der Wölfe bereitet ihm grosse Sorgen. «Ein solches Verhalten haben wir letztes Jahr beispielsweise im Kanton Waadt (Red. Kasten unten) und auch im Ausland beobachtet aber nicht bei uns», so Arquint weiter. Das kantonale Amt steht in Kontakt mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu), um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Der Kanton Graubünden will am Freitag die Öffentlichkeit informieren.

Bafu sieht (bisher) keinen Handlungsbedarf

Der Druck auf das Bafu dürfte nach dem erneuten Angriff weiter steigen. Denn bisher sahen die Bundesbeamten keinen Handlungsbedarf. So hatte das Bafu hatte am Montagabend gegenüber dem Schweizer Radio und Fernsehen erklärt, dass die meisten Nutztiere nach wie vor an Orten gerissen würden, an denen keine Massnahmen zum Herdenschutz ergriffen worden seien.

Um die Situation in den Gebieten mit wachsendem Wolfsbestand kurzfristig zu entschärfen, habe der Bundesrat die Eidgenössische Jagdverordnung für den Alpsommer 2022 bereits angepasst. Damit werde der Herdenschutz verstärkt.

Keine Wolfsregulierung im Wallis – Sommaruga prüft Anpassungen

Trotz des grossen Drucks aus dem Wallis erlässt der Bundesrat keine Notverordnung, die es dem Kanton erlauben würde, während sechs Monaten mehr Wölfe abzuschiessen. Bern verweist auf die vorhandenen Mittel zur Regulierung des Bestands. Der Kanton ist «enttäuscht». 

Der Bundesrat sei sich zwar der schwierigen Situation bewusst, aber der Ansicht, dass diese nicht schwerwiegend genug sei, um eine Notverordnung zu rechtfertigen, hiess es im Antwortschreiben. Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), wies im Schreiben darauf hin, dass ihr Departement derzeit weitere Anpassungen der Jagdverordnung im Hinblick auf die Sömmerungssaison 2023 prüfe.

Bauernverbände verlangen den Abschuss des Rudels

Bauernverbände, landwirtschaftliche Organisationen und Politiker haben nach dem Angriff auf der Alp Nurdagn Notmassnahmen verlangt, unter anderem einen «Wolfs-Notstand». Der Bündner Bauernverband der Bündner ÄlplerInnen Verein machen sich «grosse Sorgen» um die Sicherheit der Älplerinnen und Älpler. Der Leitrüde M92 sei zusammen mit dem Rudel zu entfernen, lautet die Forderung des Bündner Bauernverbandes, von Mutterkuh Schweiz und die Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR).

Für Mutterkuh Schweiz sind aber die grösste Unberechenbarkeit die Rinderherden selbst. Wegen den Angriffen seien diesen unruhig und würden teilweise gegenüber Wandernden und Älplern aggressiv reagieren. «Die Einschätzung des Bafu, wonach kein unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe, ist ein Schlag in das Gesicht der Älpler und Bauernfamilien», kritisierte die ASR scharf. Die Situation am Schamserberg im Hinterrheintal sei für die Direktbetroffenen unzumutbar, teilten die Bündner Kantonalparteien mit. «Jetzt müssen wir handeln», sagte der Bündner Mitte-Nationalrat Martin Candinas in der «Tagesschau» am Sonntagabend. Er fordert eine proaktive Regulation des Wolfes, bevor Schaden entstehe. 

SBV siegt Alpwirtschaft in Gefahr

«Die Angriffe auf gealpte Nutztiere durch Wölfe nehmen eine neue Dimension an», teilte der Schweizer Bauernverband am Donnerstag in einem Communiqué mit. Die exponentiell wachsende Wolfspopulation bringe exponentiell wachsende und für alle unübersehbare Probleme mit sich. Der Verband sieht die Alpwirtschaft in Gefahr.

«Trotz aufwändigen Schutzmassnahmen kommt es auch bei geschützten Herden zu Angriffen. Der Einsatz von Herdenschutzhunden sowie das verängstigte Verhalten der Rindviehherden bei Wolfpräsenz, bringen zudem neue Gefahren für Wanderer mit sich», warnte der SBV.

Bündner Regierung über Bafu erbost

Sehr verärgert über die Bundesbehörden zeigte sich der Bündner Regierungspräsident. Das Bafu scheine den Ernst der Lage zu verkennen, teilte Marcus Caduff auf Twitter mit. Solche Aussagen seien ein Hohn und ein Schlag ins Gesicht für alle Bemühungen der betroffenen Personen, so der Wirtschaftsdirektor.

«Ich mag die Aussagen nicht mehr hören. Ein Beverin-Rudel müsste längst unschädlich gemacht werden. Und dann wundert man sich, wenn die Akzeptanz für Grossraubtiere schwindet», schrieb Caduff weiter.

Angriffe auf Viehherde im Waadtländer Jura

Im Sommer 2020 wurden im Waadtländer Jura erste Meldungen von Angriffen auf Viehherden bekannt. Auf der Alpweide Le Reculet am Nordwesthang des Juragipfels La Dôle wurde ein totes Kalb entdeckt. Die Untersuchung der Überreste des Tieres deute darauf hin, dass Wölfe für den Angriff verantwortlich gewesen sein könnten, hiess es vonseiten der Behörden.

Im Sommer 2021 kam es zu weiteren Attacken auf Viehherden. Mehrere Angriffe auf Kälber in der Region Marchairuz seien einem Wolfsrudel zugeschrieben worden, teilte das Departement für Umwelt und Sicherheit im August 2021 mit. Das Rudel bestand aus vier erwachsenen Wölfen und fünf Jungtieren. Der Bund bewilligte in der Folge den Abschuss von zwei junge, ausgewachsene Rüden. Die beiden Raubtiere wurden im März 2022 geschossen.

Aufnahmen in der Sendung «19.30» auf RTS zeigten erstmals einen Angriff eines Wolfsrudels auf eine Mutterkuh-Herde. Das Video stammte vom Sommer 2020. «Das sind wichtige Bilder. Denn es ist das erste Mal, dass wir beobachten konnten, dass Wölfe Rinder mit einem Gewicht von 200 kg angreifen können», sagte Jean-Marc Landry, Biologe, Ethologe und Wolfsspezialist, in der Sendung «19.30» auf RTS.

Die Aufnahmen zeigten, wie die Wölfe in die Herde eindringen und die Kühe und Kälber aufscheuchen. Anschliessend griff ein Wolf ein Kalb an. Die Mutterkühe formierten sich in der Folge und setzten sich gegen die Angreifer zur Wehr. Die Kühe vertrieben schlussendlich die Wölfe. blu

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4 Responses

  1. Unsere Bundesämter sind nicht krisenfähig. Es gibt für nichts einen Notfallplan. Alle verstecken sich hinter den Paragraphen, inklusive Politiker. In welch vertrauensunwürdigen Händen befinden wir uns da als Bevölkerung?
    Unsere Nahrungsmittel verfüttern wir diesen Bestien, quasi als Volksbelustigung. Und niemand kümmerts.
    Wie kommt das wenn wir in nächster Zeit in einen Strom- oder Gasengpass laufen. Gott behüte.

  2. Für Kenner der Materie, war schon vor einem Jahr klar, was sich da für unsere Land- und Alpwirtschaft anbahnt.
    Einfach nur noch schrecklich. Wenn dem ersten Menschen, bei lebendigem Leibe, durch die Wölfe, die Gedärme, aus dem Bauch gerissen werden, findet das BAFU,sicher noch keinen Handlungsbedarf. Der betreffende , hat sich ja sicher dann gerade in einen Gebiet , mit vielen Wolfswechseln aufgehalten.

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